Ein ganz persönlicher Blick auf Albanien
Bereits nach wenigen Tagen in Albanien lernen wir Tarik (Name geändert) beim Trampen kennen. Obwohl die Kommunikation sich als schwierig erweist, besteht sofort ein persönlicher Draht. Bei einer kurzen Pause erzählt er uns mehr von seiner Familie und dass er bereits in Deutschland gearbeitet hat. Er zeigt uns Dokumente einer kürzlichen Ausweisung, weil ihm das Visum für den Aufenthalt fehlte. Er möchte aber so bald wie möglich auf legalem Wege wieder zurück. Tarik bringt uns zu unserem Zielort und biete uns an, ihn uns seine Familie zu besuchen, sollten wir noch in den Süden des Landes reisen. Wir bieten ihm vor der Verabschiedung unsere Hilfe an, wenn er bei der Beantragung des Visums Hilfe benötigen.
Vier Wochen gehen ins Land, bis wir in Tariks Heimatdorf kommen. Bei der Ankunft mit dem Bus weicht die Freude, ihn wieder zusehen und seine Familie kennen zu lernen schnell Sprachlosigkeit und Betroffenheit. Die Familie mit 3 Kindern (7, 14, 15) wohnt auf nicht einmal 40 qm. Es gibt nur ein richtiges Schlafzimmer, die Kinder schlafen im Wohnzimmer, das jeden Abend dafür umgebaut wird. Die Küche ist kaum groß genug für eine Person und geht direkt in das Bad über. Dieses ist nur durch eine Schiebetür abgetrennt und kaum größer als einen Quadratmeter. Es besteht aus einer französischen Toilette (Loch im Boden) und einer Duschbrause darüber. Keine Rückzugsmöglichkeiten, keine Privatsphäre für die Kinder oder die Eltern. Und das, obwohl die Familie für albanische Verhältnisse nicht "richtig" arm ist.
Erneut wird uns auf krasse Art und Weise vor Augen geführt, wie privilegiert wir in Deutschland aufgewachsen sind. Aber für solche Gedanken bleibt nur wenig Zeit. Wer Gäste hat, fährt alles auf, was sich finden, kochen, backen oder kaufen lässt. Und so werden wir von einem proppenvollen Esstisch empfangen. Wir haben selten so gut gegessen. Unglaublich.
Bevor wir uns in den kommenden Tagen mit den Dokumenten befassen, möchte uns der Familienvater seine Heimat zeigen. Wir machen mehrere Ausflüge in Berge und Täler der Region. Die Mutter bleibt bis auf einmal zuhause, da wir ja bereits zu sechst im Auto sind. Nur einmal können wir sie überreden, mit zu kommen. Wir sind also zu siebt im Auto. Drei Kinder, zwei Erwachsene auf der Rückbank. Trotz mehrfacher Polizei-Checkpoints kein Problem. Man kennt sich.
Als wir dann anfangen, die Dokumente zu sichten und zu recherchieren, wie die Visumsbeantragung läuft, wird uns ganz flau, da uns klar wird, dass wir zumindest at hock kaum etwas bewegen können. Die deutsche Botschaft in Tirana schreibt ganz unverblümt auf der Homepage: Visa-Anträge können nur mit persönlichem Termin eingereicht werden, diese sind limitiert, eine Wartezeit von 12 Monaten ist zu veranschlagen. Und das obwohl Arbeits- und Mietvertrag bereits vorliegen, der deutsche Chef dringend Tariks Arbeitskraft und Erfahrung wartet. Bei einem Formfehler im Antrag wird dieser abgelehnt und der Prozess startet von Neuem. Wir schämen uns für die deutsche Bürokratie.
Aufgrund von Corona ist die Terminvergabe für Arbeitsvisa aktuell sogar auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Uns bleibt also nichts, als schon einmal alle Unterlagen für den Termin vorzubereiten. Aber auch das ist kompliziert genug. Zu zweit recherchieren, telefonieren, mailen wir drei volle Tage, bis ein erster Entwurf des Antrags steht.
Eine Albanerin hat uns gesagt "Mein Land hat alles – außer Geld". Den Umfang dieser Aussage verstehen wir erst jetzt im Ansatz. Wir lernen Albanien als wunderschönes Land mit offenen und herzlichen Menschen kennen. Eigentlich hat es alles, um erfolgreich zu sein: abwechslungsreiche und atemberaubende Landschaften, ehrgeizige und fleißige Menschen, Bodenschätze... dennoch ist es für die Menschen im Land sehr hart, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Wir verstehen daher den Wunsch der Eltern, ihren Kindern eine bessere Perspektive im Ausland ermöglichen zu wollen.
So verlassen wir nach 6 Wochen das Land mit vielen wertvollen Begegnungen und Erfahrungen, die wir nicht missen wollen, aber auch mit einem tiefen Bedürfnis zumindest ein bisschen was der empfangenen Gastfreundschaft zurück zu geben.
Mit Tariks Familie fühlen wir uns trotz der kürzeste der Zeit tief verbunden. Wir bleiben daher in Kontakt und werden sie nach Kräften unterstützen.