Balkan Style
Wir waren nun ein halbes Jahr im Balkan unterwegs. In dieser Zeit sind uns einige Dinge aufgefallen, die uns zum Teil erstaunt aber auch zum schmunzeln gebracht haben. Ein Rückblick:
#1 Essen
Auch wenn wir im Balkan einige Vegetarier und Veganer kennengelernt haben, in vielen Restaurants heißt es: wir haben Fleisch mit Gemüse, Fleisch mit scharfer Soße, Fleisch vom Grill, Gulasch, Wurst oder wir können auch Burger machen. Neben Fleisch, ist Brot ein Muss zu jeder Mahlzeit. Es heißt ja oft das die Deutschen ihr Brot lieben, aber so viel Brot wie in den letzten Monaten haben wir noch nie gegessen.
#2 Gastfreundschaft
Wir haben die Menschen im Balkan als unglaublich gastfreundlich kennengelernt. Das beginnt beim "Hallo, wie gehts dir? Woher kommst du? Kann ich Dir helfen?" von fremden Menschen die einen einfach so auf der Straße ansprechen. Und das nicht weil Sie einem irgendwas verkaufen wollen oder ähnliches, sondern einfach aus Neugierde und Hilfsbereitschaft. Es ist auch nicht nur so daher gesagt, nein wenn man tatsächlich Hilfe braucht, wird einem geholfen. Denn es ist den meisten sehr wichtig, dass Gäste in ihrem Land eine gute Zeit haben. Oft haben sich auch Einheimische bei uns dafür bedankt, dass wir in ihrem Land reisen. Wir haben viele herzlichen Einladungen auf ein Getränk, ein gemeinsames Essen oder sogar einen gemeinsamen Ausflug bis hin zur Übernachtung im eigenen Haus erleben durften. Im Kosovo ist es Brauch Gästen etwas zu schenken, und so haben wir in nur fünf Tagen vier Paar Socken und zwei Tops geschenkt bekommen. In einem rumänischen Dorf hat uns ein Mann auf der Straße einfach eine Tafel Schokolade gegeben. Einmal wurden wir erst zum Essen eingeladen, anschließend hat der Mann noch darauf bestanden, uns die Übernachtung im 4-Sterne-Hotel zu bezahlen. Wir wollten uns eigentlich nur ein günstiges Zimmer nehmen. Einfach unglaublich.
#3 Musik
Musik ist ein wichtiger Bestandteil vieler Kulturen. Im Balkan erfreut sich das Musikfernsehen, egal ob Pop-, oder Volksmusik in jeder Altersgruppe großer Beliebtheit. Ein großer Fernseher, auf dem Musikvideos laufen, ist in jedem Café Pflicht. Auch albanische Künstler die auf Deutsch Rappen haben uns erstaunt. Diese Rappmusik ist populär auch bei Albanern die kein Deutsch verstehen. Im Kosovo und in Albanien mussten wir über die unzähligen Verkäufer und Käufer von CDs am Straßenrand schmunzeln.
#4 Tradition und Digitalisierung
Auch wenn es Menschen im Balkan gibt, die ihre Musik gerne noch von CDs hören, sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Die Digitalisierung der Gesellschaft ist hier weit fortgeschritten. So hat Rumänien das flächendeckend schnellste Internet in der EU und eine international erfolgreiche Tec-Branche. Jeder hat ein Smartphone und weiß dieses auch zu bedienen, auch das suchen und abspielen eines YouTube-Videos auf dem Smart-TV ist kein Problem, selbst für Senioren. Was auf den ersten Blick wie ein Paradox erscheint, Smart-TV im Wohnzimmer und Schweine für den Eigenbedarf im Garten, ist ein gelungener Spagat zwischen Moderne und Tradition, der uns oft begegnet ist.
#5 Generationenkonflikt
Dass Wertvorstellungen zwischen unterschiedlichen Generationen verschieden sind ist normal. Im Balkan wird das durch den Systemwechsel von Kommunismus, in dem viele Eltern aufgewachsen sind, hin zum Kapitalismus in dem Ihre Kinder groß geworden sind, verstärkt. Einige Eltern sind in einer Welt verhaftet, die es nicht mehr gibt und können die Bestrebungen ihrer Kinder weder nachvollziehen noch unterstützen. Gerade Mütter versuchen ihre Kinder zu kontrollieren und üben Druck auf sie aus, alte Traditionen, wie eine frühe Heirat durchzusetzen.
#6 Kommunismus
Hier ging es vom einen Extrem in das Andere: während im Kommunismus alles gleichgeschalten wurde, hat sich mittlerweile bei Vielen ein ausgeprägter Individualismus entwickelt. Das wird z.B. bei ausgefallener Kleidung, getunten Autos und sehr kreativer Architektur sichtbar. Das Motto: Ich mache es anderes, besser, größer, teurer als die Anderen.
#7 Offenheit
Nicht nur sind die Menschen im Balkan offen für Gespräche mit Fremden, sie legen einem auch gerne nach kürzester Zeit ihre Finanzen offen und erzählen wie viel sie verdienen oder wie viel ihr Haus gekostet hat. Diese Offenheit beim Thema Finanzen hat uns oft überrascht, teilweise auch überfordert, wo wir doch mit dem Kredo "über Geld spricht man nicht" aufgewachsen sind.
#8 Deutschland
Wie in vielen Regionen der Welt erfreuen sich Produkte "Made in Germany" auch im Balkan grosser Beliebtheit. Das war also keine besondere Überraschung, das Wissen vieler in der Region über Deutschland hingegen schon. Wir haben uns oft geschämt wie wenig wir im Vorfeld über den Balkan wussten, denn wie wir in Deutschland "ticken" wissen hier fast alle. Das liegt an oft beschriebenen Kommunikationsfreude aber auch daran, dass fast jeder jemanden kennt der in Deutschland lebt.
#9 Umweltschutz vs. Umweltschmutz
Die Wertschätzung und Betonung von regionalen und biologisch angebauten Lebensmitteln ist hoch. Im Kontrast dazu steht das große Müllproblem. Illegale Müllhalden und Müllverbrennung am Straßenrand, verursacht durch mangelnde Abfallwirtschafts-Infrastrukturen, aber auch durch ein fehlendes Bewusstsein, seinen Müll nicht einfach aus dem Fenster zu schmeißen. Der Umgang damit ist uns oft schwer gefallen, da sowohl Nichtssagen, als auch mit dem erhobenen Zeigefinger dazustehen, schwierig ist.
#10 Auf der Straße
Auf dem Balkan begegnen einem im Straßenverkehr neben Fußgängern, Fahrrädern und allerhand teils abenteuerlicher Gefährte, auch allerhand Tiere wie Pferde, Esel, Hühner, Schweine, Ziegen, Schafe, Truthähne etc. Das ist im ersten Moment sehr ungewohnt, spiegelt aber den viel natürlicheren Umgang mit Nutztieren wieder. Das Bewusstsein ist ein anderes, ob man bei uns ein abgepacktes Stück Fleisch im Supermarkt kauft, oder auf dem Balkan ein eigens herangezogenes Tier selbst schlachtet und vom Kopf bis Fuss verarbeitet. Auch der Umgang mit streunenden Katzen und Hunden hat uns erst erstaunt, dann aber gefreut. Besonders in Istanbul ist uns aufgefallen, dass Privatpersonen kleine Behälter mit Wasser und Trockenfutter einfach vor ihre Türe stellen, teils werden sogar kleine Hütten aufgestellt, in denen die Tiere im Winter übernachten.
